Lukas’ Gesicht verhärtete sich. Er mochte es nicht, wenn Sophie ihn daran erinnerte, dass sie die Wohnung von ihren Eltern geerbt hatte. Zwar war er offiziell hier gemeldet, doch der Gedanke, nicht der eigentliche Besitzer zu sein, kränkte seinen Stolz.

— Sophie, sie ist meine Mutter. Nach dem Tod meines Vaters hat sie mich allein großgezogen. Sie hat zwei Jobs gemacht, damit ich studieren konnte. Und jetzt, wo sie Hilfe braucht, soll ich mich einfach abwenden?

— Das verlange ich nicht. Aber es gibt andere Möglichkeiten. Wir könnten eine Pflegekraft organisieren. Wir könnten sie finanziell unterstützen. Du könntest öfter hinfahren.

— Eine Pflegekraft? Wovon denn? Weißt du überhaupt, was so etwas kostet? Und zwei Haushalte können wir auch nicht auf Dauer bezahlen.

Sophie stand auf und begann, den Tisch abzuräumen, obwohl sie noch gar nicht gegessen hatten. Ihre Hände mussten etwas tun, sonst wäre die Spannung in ihr übergelaufen.

— Lukas, lass uns ehrlich sein. Du verdienst gut. Du bist stellvertretender Werksleiter, du bekommst Prämien. Wenn es dir wirklich darum geht, dass deine Mutter nicht allein ist, dann miete ihr eine kleine Wohnung in unserer Nähe. Oder du ziehst zu ihr aufs Dorf.

— Was? — Lukas sprang auf. — Ich soll meine Arbeit aufgeben und irgendwo ans Ende der Welt ziehen? Und was wird dann aus unserem Leben? Aus meiner Karriere?

— Und was ist mit meinem Leben? — fragte Sophie schneidend. — Ich arbeite auch. Ich habe ebenfalls Pläne. Wir wollten ein Kind, erinnerst du dich? Oder glaubst du ernsthaft, dass das leichter wird, wenn deine Mutter hier mit uns wohnt?

Eine schwere Stille legte sich über die Küche. Das Thema Kind war für sie beide eine offene Wunde. Vor drei Jahren hatte Sophie eine späte Fehlgeburt erlitten. Seitdem versuchten sie es weiter, aber ohne Erfolg. Die Ärzte hatten immer wieder dasselbe gesagt: weniger Stress, mehr Ruhe, ein stabiles Zuhause.

Lukas sah sie an und setzte neu an, diesmal deutlich sanfter.

„Sophie Wagner, meine Mutter wird uns nicht zur Last fallen. Im Gegenteil. Sie kann im Haushalt mit anpacken, später vielleicht auch mit dem Kind helfen …“

„Helfen?“ Sophie verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. „Lukas, deine Mutter hat in all den Jahren unserer Ehe nicht ein einziges Mal irgendetwas gutgefunden, was ich entschieden habe. In ihren Augen koche ich falsch, putze falsch, ziehe mich falsch an. Nach acht Jahren bin ich für sie immer noch nur ‚diese Frau‘. Und du nennst das Hilfe?“

„Sie ist eben … altmodisch. Sie braucht Zeit, um sich daran zu gewöhnen.“

„Acht Jahre reichen ihr nicht?“

Lukas wandte sich zum Fenster. Draußen wurde es langsam dunkel, in den gegenüberliegenden Häusern gingen die ersten Lichter an. In der Ferne dröhnte ein Zug vorbei, und Sophie musste unwillkürlich daran denken, dass genau so ein Zug Helga Neumann aus ihrem Dorf zu ihnen bringen könnte.

„Ich kann sie dort nicht allein lassen, Sophie Wagner. Ich bringe das nicht fertig.“

In seiner Stimme lag echter Schmerz, und für einen Moment wurde Sophies Zorn leiser. Sie wusste, wie sehr Lukas seine Mutter liebte, trotz all ihrer scharfen Kanten. Helga Neumann war als Mutter keine schlechte Frau gewesen: streng, aber gerecht. Sie hatte ihrem Sohn eine Ausbildung ermöglicht und ihm Werte mitgegeben, an denen er sich bis heute festhielt. Nur als Schwiegermutter war sie kaum zu ertragen.