Geschichte
„Nicht zu uns, sondern zu dir. Und du kannst schon einmal anfangen, dir eine eigene Wohnung zu suchen!“ entgegnete Sophie scharf

„Nicht zu uns, sondern zu dir. Und du kannst schon einmal anfangen, dir eine eigene Wohnung zu suchen!“ entgegnete Sophie scharf

Eine herzzerreißende, vernünftige Entscheidung, die alles verändern könnte.

405 Leser 7 Seiten ~3 Min.

— Meine Mutter zieht zu uns, das ist beschlossen! — erklärte der Mann.

— Nicht zu uns, sondern zu dir. Und du kannst schon einmal anfangen, dir eine eigene Wohnung zu suchen! — gab seine Frau scharf zurück.

Sophie Wagner stand am Küchenfenster und sah zu, wie die Regentropfen in schmalen Bahnen über die Scheibe liefen. Hinter ihr zischte vertraut die Pfanne; das Abendessen war fast fertig, wie an so vielen Abenden zuvor. Für sie und Lukas Schneider. Für ihr gemeinsames Leben, das seit acht Jahren aus genau solchen Gewohnheiten bestand.

— Sophie, wir müssen reden — sagte Lukas mit ungewohnt ernster Stimme.

Sie drehte sich langsam um. Lukas saß am Küchentisch, das Handy lag vor ihm, doch sein Blick hing irgendwo im Leeren. Sofort wusste sie, dass nichts Gutes folgen würde. In all den Jahren hatte sie gelernt, seine kleinsten Zeichen zu deuten: den ausweichenden Blick, die angespannten Schultern, die Finger, die nervös auf die Tischplatte trommelten.

— Dann rede — antwortete sie knapp und stellte den Herd aus.

— Ich habe gestern mit meiner Mutter telefoniert. Sie hat wieder über ihre Gesundheit geklagt. Mal schießt ihr Blutdruck hoch, mal tut ihr das Herz weh. In ihrer Praxis ist inzwischen nur noch eine Sprechstundenhilfe da, der Arzt hat vor einem Monat aufgehört. Die nächste größere Praxis ist vierzig Kilometer entfernt, und der Bus fährt nur zweimal in der Woche.

Sophie setzte sich schweigend ihm gegenüber. Sie ahnte längst, worauf er hinauswollte. Dieses Thema war nicht neu. Es war schon mehrmals zwischen ihnen aufgetaucht und jedes Mal im selben Nichts versandet.

— Lukas, darüber haben wir bereits gesprochen. Deine Mutter hängt an ihrem Haus, an den Nachbarn, an allem, was sie dort kennt. Ihr ganzes Leben ist dort.

— Was für ein Leben soll das sein? — fuhr er dazwischen. — Einsamkeit und Krankheiten? Sophie, sie ist achtundsechzig. Sie braucht jemanden, der sich kümmert, und eine vernünftige medizinische Betreuung. Hier gibt es gute Ärzte, das Krankenhaus ist in der Nähe. Und wir könnten ein Auge auf sie haben.

Sophie atmete schwer aus. Helga Neumann war tatsächlich nicht mehr jung, das stimmte. Aber ihr Wesen war alles andere als einfach. Sie bestimmte gern, stellte Forderungen, ließ Widerspruch kaum gelten. Bei ihren seltenen Besuchen fand sie an allem etwas auszusetzen: an der Suppe, an der Sauberkeit, an Sophies Kleidung, an der Anordnung der Möbel. Sophie erinnerte sich nur zu gut an den Besuch im vergangenen Jahr, als ihre Schwiegermutter drei Tage lang die Teller in den Küchenschränken umsortiert hatte, weil „Ordnung schließlich richtige Ordnung sein müsse“.

— Lukas, ich verstehe, dass du dir Sorgen um sie machst. Wirklich. Aber stell dir vor, was es bedeutet, wenn wir alle unter einem Dach leben. Deine Mutter ist gewohnt, in ihrem eigenen Haus die Regeln zu machen. Diese Wohnung hier gehört jedoch mir. Ich bin hier aufgewachsen, meine Eltern haben hier gelebt. Du weißt genau, wie sie ist.

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