— Na dann, auf unser Wiedersehen! — verkündete er laut.

Ich ließ mich ganz am Rand eines Stuhls nieder und hielt Mia Meier auf dem Schoß. Das Kind quengelte, wand sich hin und her und zog mir an den Haaren. Gerade wollte ich nach einem Stück Brot greifen, da sagte Magdalena Bauer:

— Emilia Peters, du solltest Mia Meier ein Mützchen aufsetzen, vom Fenster zieht es. Und überhaupt, warum bekommt sie immer noch keinen Brei? Mein Jonas Huber hat mit sieben Monaten schon Suppe vom Familientisch gegessen.

— Ihr reicht die Muttermilch, — sagte ich leise, ohne aufzublicken.

— Ach, diese modernen Marotten, — mischte sich Nicole Engel ein und kaute an einem Knödel. — Hören auf irgendwelche Blogger im Internet, und dann sehen die Kinder aus wie kleine Gespenster. Jonas Huber, soll ich dir noch etwas auftun? Deine Frau denkt ja offenbar nicht daran.

Jonas Huber grinste und schob seinen Teller hin.

— Ja, Mama, leg mir noch was drauf. Bei dir schmeckt alles am besten. Sogar gekaufte Knödel werden bei dir irgendwie leckerer.

Am Tisch brachen alle in Gelächter aus. Dieses Lachen dröhnte mir in den Ohren.

Es traf mich wie eine Ohrfeige. Ich sah zu Jonas Huber hinüber. Er bemerkte meinen Blick nicht einmal. Viel wichtiger war ihm das Gespräch mit Onkel Leon Lange über Autos. Für ihn war dieser Abend gelungen: seine Familie saß um ihn herum, alle waren guter Laune, der Tisch war voll. Und dass seine Frau am Rand des Stuhls kauerte, mit dunklen Schatten unter den Augen, völlig übermüdet und kurz davor, loszuweinen, spielte offenbar keine Rolle. Schließlich saß ich ja „nur zu Hause mit dem Kind“ und hatte „sonst nichts zu tun“.

In diesem Moment zuckte Mia Meier heftig zusammen und fing laut an zu weinen.

— Emilia, nimm sie doch endlich mit, — verzog mein Schwiegervater das Gesicht. — Man kann sich ja kaum noch unterhalten, wenn man ständig gegen das Geschrei anbrüllen muss.

Ich stand auf. Ganz ruhig. Ohne ein einziges Wort. Im Flur legte ich meine Tochter in den Kinderwagen und zog ihr den Overall zu. Mia verstummte vor Überraschung. Danach ging ich ins Schlafzimmer, holte meine Daunenjacke, meine Tasche mit den Unterlagen und die Kindersachen, die für Arztbesuche immer fertig gepackt im Rucksack standen.

Ich zog mir die Schuhe an. Erst die plötzliche Stille lockte Jonas Huber in den Flur.

— Emilia, was wird das denn? — fragte er und blinzelte irritiert. — Willst du jetzt noch spazieren gehen? Es ist doch schon stockdunkel.

— Ich gehe, Jonas Huber, — antwortete ich mit einer Stimme, die so gleichmäßig klang, als gehöre sie gar nicht mir.

— Wie, du gehst? Wohin denn? Zu deiner Mutter, oder was? — Er lachte kurz auf, doch in seinen Augen flackerte Unsicherheit. — Hör auf mit diesem Unsinn und komm wieder an den Tisch. Die Leute verstehen das sonst falsch.

— Mir ist egal, wer was versteht, — sagte ich, schob mir den Rucksack über die Schulter und griff nach dem Kinderwagen. — Du hast recht: Ich habe ja in der Elternzeit nichts zu tun. Also gehe ich jetzt. Unterhalte deine Verwandtschaft selbst. Bewirte sie, räum hinter ihnen her, spül das Geschirr. Die Schlüssel werfe ich in den Briefkasten.