— Ach, hör auf mit den Ausreden, — winkte mein Schwiegervater ab und stapfte ins Wohnzimmer. — Jonas, mach den Fernseher an, gleich fängt das Spiel an. Magdalena, Nicole, helft dem Mädchen in der Küche, sonst verhungern wir hier noch. Wir waren drei Stunden unterwegs.
Magdalena Bauer ging ohne ein weiteres Wort in die Küche, riss die Kühlschranktür auf und schnalzte enttäuscht mit der Zunge.
— Na schön, Emilia Peters. Als Hausfrau bist du ja wirklich… bemerkenswert. Lässt du meinen Sohn etwa hungern? Gut, keine Zeit für Geschwätz. Jonas Huber! Komm mal her!
Mein Mann steckte den Kopf durch die Küchentür.
— Ja, Mama?
— Lauf zum Supermarkt. Hol zwei große Packungen Maultaschen oder Knödel, Wurst, Käse und Brot. Wenn deine Frau schon kein ordentliches Mittagessen hinbekommt, müssen wir uns eben mit Fertigkram behelfen.
Jonas Huber warf mir einen missmutigen Blick zu.
— Emilia Peters, wäre es wirklich so schwer gewesen, wenigstens ein paar Kartoffeln zu schälen? Na gut. Gib mir Geld, dann gehe ich schnell.
— Bargeld habe ich nicht. Die Karte liegt auf der Kommode, — antwortete ich dumpf.
Eine halbe Stunde später herrschte in unserer Küche geschäftiges Treiben, doch ich kam mir darin überflüssig vor. Magdalena Bauer und Nicole Engel klapperten mit Töpfen, riefen einander laut Anweisungen zu und ließen keine Gelegenheit aus, spitze Bemerkungen fallen zu lassen.
— Diese Messer sind ja stumpf wie Löffel, um Himmels willen. Ein Mann im Haus, aber niemand bringt es fertig, sie zu schärfen, — brummte meine Schwiegermutter.
— Mama, bei ihr fehlt einfach jede Ordnung, — stimmte Nicole Engel ein und zog krachend eine Pfanne aus dem Schrank. — Schau dir nur die Dunstabzugshaube an, da liegt Staub. Wenn man zu Hause ist, könnte man sich doch wenigstens um Sauberkeit kümmern.
Ich saß im Schlafzimmer im Sessel, wiegte Mia Meier hin und her und hörte durch die angelehnte Tür jedes einzelne Wort. In mir riss etwas. Eine bleierne, wilde Erschöpfung legte sich auf meinen ganzen Körper, so schwer, dass ich mich am liebsten einfach auf den Boden gelegt und keinen Finger mehr gerührt hätte. Doch das Schlimmste war: Mir wurde plötzlich alles gleichgültig. Ihre Meinung, diese Fertiggerichte, der Staub auf der Haube. Was mich bis ins Mark verletzte, war etwas anderes: Jonas Huber hatte mich nicht ein einziges Mal verteidigt. Kein Wort. Im Gegenteil, er nickte ihnen zu und lächelte schuldbewusst, als wäre wirklich ich an allem schuld.
Gegen sechs Uhr wurde ich an den Tisch gerufen. Genauer gesagt, Jonas Huber schaute kurz ins Zimmer und rief:
— Emilia Peters, komm, Essen ist fertig. Leg Mia Meier hin, sie soll schlafen.
— Sie schläft nicht, Jonas Huber.
— Dann nimm sie eben mit. Setz dich ein bisschen zu uns.
Im Wohnzimmer war kaum noch Platz zum Atmen. An dem ausgezogenen Tisch drängten sich zwölf Menschen. Darauf standen Teller mit riesigen Bergen von Knödeln, Wurst- und Käseplatten, dazu eingelegtes Gemüse, das Magdalena Bauer von zu Hause mitgebracht hatte. Der Lärm war ohrenbetäubend. Onkel Leon Lange hatte sich und meinem Schwiegervater bereits je ein Gläschen eingeschenkt.