— Bist du völlig verrückt geworden? — Jonas Huber packte mich am Arm, rote Flecken stiegen ihm ins Gesicht. — Du versaust mir den ganzen Abend! Wegen so einer Kleinigkeit machst du hier eine Szene vor meinen Eltern! Du kommst jetzt zurück, habe ich gesagt!

— Lass meinen Arm los, — sagte ich leise.

Es war nicht laut, nicht hysterisch. Aber etwas in meinem Ton ließ ihn sofort die Finger öffnen.

— Ich kann nicht mehr, — fuhr ich fort. — Du hörst mich nicht. Du siehst mich nicht einmal. Für dich bin ich irgendein kostenloses Zusatzprogramm, das immer laufen muss, ohne Pause, ohne Fehler. Bleib allein hier. Dann verstehst du vielleicht, wie es ist, wenn man angeblich nichts zu tun hat.

Ich öffnete die Wohnungstür und schob den Kinderwagen in den Hausflur.

— Emilia! — rief er mir nach.

Doch da hatte ich den Aufzug bereits gerufen.

Aus der Wohnung drangen Stimmengewirr, Gelächter und das Geräusch des laufenden Fernsehers. Dort hatte offenbar niemand wirklich begriffen, dass ich gegangen war.

Ich fuhr zu meiner Freundin Julia Peters, bei der das Gästezimmer frei war. Julia stellte keine überflüssigen Fragen. Sie goss mir nur schweigend heißen Tee ein, nahm mir Mia ab, wusch sie und brachte sie in aller Ruhe ins Bett. Ich schlief ein, kaum dass mein Kopf das Kissen berührte, und zum ersten Mal seit vielen Monaten schlief ich sechs Stunden am Stück.

Mein Telefon hatte ich schon im Aufzug ausgeschaltet. Erst am nächsten Morgen gegen elf Uhr machte ich es wieder an.

Der Bildschirm füllte sich sofort mit Benachrichtigungen. Dreißig verpasste Anrufe von Jonas Huber. Fünf von meiner Schwiegermutter. Dazu eine ganze Reihe Nachrichten im Messenger.

Ich öffnete den Chat mit Jonas Huber. Am Anfang bestanden seine Nachrichten nur aus Wut: „Spinnst du?“, „Komm sofort zurück“, „Mama ist entsetzt über dein Verhalten“, „Du hast mich vor Onkel Leon Lange blamiert.“

Doch gegen drei Uhr nachts hatte sich der Ton verändert.

„Emilia, wo ist die Säuglingsnahrung für Mia? Sie sind alle gefahren, ich bin allein.“

„Emilia, warum ist die Küche so dreckig? Mama und Nicole Engel sind gegangen und haben nichts gespült. Sie sagen, das sei deine Aufgabe.“

„Emilia, antworte bitte. Mir geht es schlecht.“

„Emilia, bitte.“

Die letzte Nachricht war vor einer halben Stunde eingegangen: „Ich komme zu dir. Julia Peters hat gesagt, dass du bei ihr bist. Bitte geh nicht weg. Hör mich wenigstens an.“

Zwanzig Minuten später klingelte es an der Tür. Julia ging öffnen. Ich blieb auf dem Sofa sitzen, Mia auf dem Arm, frisch gewickelt, satt und ruhig.

Jonas Huber trat ins Zimmer. Für einen Augenblick erkannte ich ihn kaum wieder. Sonst war er immer ordentlich, beherrscht, gepflegt. Jetzt wirkte er, als wäre etwas in ihm zusammengebrochen. Die Haare standen ihm wirr ab, unter den Augen lagen dunkle Ringe, seine Jacke hing offen. Seine Hände zitterten sichtbar.

Er blieb an der Schwelle stehen, als fürchte er, näherzukommen. Erst sah er mich an, dann unsere Tochter.

— Hallo, — sagte er leise.

— Hallo, erwiderte ich und zwang mich zu einem ruhigen Ton, obwohl mein Herz plötzlich viel schneller schlug.