Anna schloss für einen Moment die Augen.

„Wofür?“

„Na ja… für die ganze Situation. Dafür, dass alles so eskaliert ist.“

„Paul. Deine Mutter hat mich vor anderen Leuten des Diebstahls beschuldigt. Du hast mich nicht verteidigt. Im Gegenteil, du hast mich angeschrien.“

„Ich war eben aufgebracht…“

„Ja“, sagte Anna. „Das habe ich zur Kenntnis genommen.“

Dann legte sie auf.

Der Tag verging mit praktischen Dingen. Anna kaufte Bettwäsche, besorgte Lebensmittel, stellte die Kaffeemaschine auf die kleine Arbeitsfläche in der Küche — das Einzige, was sie aus der gemeinsamen Wohnung mitgenommen hatte, weil sie sie selbst bezahlt hatte und die Quittung noch immer auf ihrem Handy gespeichert war. Danach klappte sie den Laptop auf und arbeitete drei Stunden am Stück. Ein Abgabetermin verschwand schließlich nicht, nur weil eine Ehe zerbrach.

Am Abend schrieb sie ihrem Anwalt. Knapp und sachlich: „Daniel, ich brauche einen Termin. Scheidung und Vermögensaufteilung. Wann passt es Ihnen?“

Die Antwort kam fast sofort: „Morgen um elf. Ich erwarte Sie.“

Theresa Otto meldete sich am nächsten Vormittag. Als Anna die Nummer auf dem Display sah, hob sie überrascht die Augenbrauen. Ihre Schwiegermutter rief sonst niemals als Erste an. Das lag unter ihrer Würde.

„Anna“, sagte die Stimme am anderen Ende, weich und beinahe zärtlich, „benimm dich doch nicht wie ein trotziges Kind. Komm zurück.“

„Wir sollten miteinander sprechen.“

„Worüber?“

„Über alles. Über das Leben. Paul macht sich Sorgen.“

„Paul kann sich gern Sorgen machen und mich selbst anrufen.“

„Anna, warum bist du denn so eisig? Wir gehören doch zur Familie.“

Dieses Wort. Familie.

Anna hatte es drei Jahre lang gehört, immer genau dann, wenn es gebraucht wurde, immer wie eine Karte, die man triumphierend auf den Tisch legte. Wenn sie schweigen sollte: Wir sind doch Familie. Wenn sie nachgeben musste: Wir sind doch Familie. Wenn sie so tun sollte, als sehe sie nicht, wie Dorothea Sommer Teller durch die Küche schleuderte und brüllte, seit „diese Städterin“ im Haus sei, gehe alles den Bach hinunter: Wir sind doch Familie.

„Frau Otto“, sagte Anna ohne jede Schärfe, aber auch ohne Wärme, „ich habe gerade keine Zeit. Falls es rechtliche Fragen gibt, wenden Sie sich bitte an meinen Anwalt.“

Dann beendete sie das Gespräch.

Eine Stunde später saß sie bereits Daniel Gross gegenüber und legte die Unterlagen aus der beigefarbenen Mappe auf seinem Schreibtisch aus. Der Anwalt ging Blatt für Blatt durch, zog gelegentlich die Augenbrauen hoch, machte Notizen an den Rand und schwieg lange genug, dass Anna spürte, wie sich etwas in ihr beruhigte.

„Die Immobilie läuft also auf Sie beide“, sagte er schließlich.

„Zu gleichen Teilen.“

„Und Ihr Mann hat die Einzelheiten offenbar nie wirklich zur Kenntnis genommen?“

„Er hat unterschrieben, ohne zu lesen. Damals fand ich das merkwürdig. Ich habe aber nichts gesagt.“

Daniel sah über den Rand seiner Brille hinweg zu ihr auf. In seinem Blick lag diese sachliche Ruhe, wegen der Anna ihn schätzte.

„Frau Krause, Ihre Ausgangslage ist gut. Vor allem, weil die Aufforderung zum Auszug von ihm kam. Gibt es dafür Zeugen?“