Keine Dorothea Sommer hinter der Wand. Kein Großvater mit beleidigter Miene im Sessel. Keine Theresa Otto, die ungefragt eintrat und dabei lächelte, als sei ihre bloße Anwesenheit bereits ein großzügiges Geschenk.
„Und?“, fragte Florian. „Kannst du dir das vorstellen?“
„Ja“, antwortete Anna. „Ich nehme sie.“
In dieser Nacht schlief sie nicht. Sie lag auf dem Sofa, denn ein Bett gab es noch nicht, nur dieses alte Sofa des Vormieters, und starrte an die Decke. Sie weinte nicht. Das erstaunte sie selbst. Drei Jahre Ehe, drei Jahre Alltag, und keine einzige Träne.
Vielleicht deshalb, weil diese Tränen längst aufgebraucht waren. Leise, tropfenweise, Tag für Tag. Damals, wenn sie auf eine weitere Bemerkung von Dorothea Sommer nicht reagiert hatte. Wenn sie den Tisch für Gäste gedeckt hatte, die sie selbst nie eingeladen hatte. Wenn sie ihren Mann angesehen und begriffen hatte, dass sein Blick durch sie hindurchging, dorthin, wo seine Mutter stand, immer mit einem fertigen Urteil in der Hand.
Die Tränen waren versiegt, bevor Anna die Wohnung verlassen hatte.
Geblieben war die Mappe.
Sie stand auf, ging zu ihrer Tasche, zog sie heraus und legte sie auf den Tisch. Eine beigefarbene Pappmappe, mit Bändern zugeschnürt. Darin lagen Unterlagen. Genau jene Unterlagen, von denen Paul nichts wusste. Oder von denen er wusste, die er aber nie ernst genommen hatte. Mit Papieren hatte er sich ohnehin nie gern befasst. Seit dem ersten Tag ihrer Ehe war das Annas Gebiet gewesen.
Vor vier Jahren, kurz nach der Hochzeit, hatte Theresa Otto vorgeschlagen, Geld in eine kleine Gewerbeimmobilie zu investieren. Paul war sofort begeistert gewesen. Anna hatte dagegen erst die Verträge geprüft, einen guten Anwalt hinzugezogen — ihren eigenen, keinen aus dem Familienkreis — und alles sauber aufsetzen lassen. Auf beide Namen. Zu gleichen Teilen.
Theresa Otto hatte damals spitz bemerkt, in anständigen Familien mache man so etwas nicht. Paul hatte das Gesicht verzogen, aber unterschrieben. Anna konnte ruhig, klar und mit Argumenten erklären, was notwendig war. Das war eine ihrer Stärken. Ihre Schwiegermutter nannte es nur gern Unverschämtheit.
Es handelte sich um ein kleines Büro im Erdgeschoss. Vermietet. Jeden Monat brachte es verlässliche Einnahmen, die auf das gemeinsame Konto flossen. Paul hatte diesen Umstand längst irgendwo in seinem Kopf verlegt. Anna nicht.
Sie band die Mappe wieder zu, legte sie zurück in die Tasche und ging schließlich doch schlafen.
Am nächsten Morgen rief Paul an.
Anna nahm ab. Ohne Wut, ohne Zittern.
„Anna, was soll das denn jetzt? Wohin bist du gefahren?“
„In eine Wohnung.“
„In was für eine Wohnung?“
„In meine.“
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Meinst du das ernst?“
„Paul“, sagte sie, „du hast mir selbst die Tür geöffnet. Ich bin nur hinausgegangen.“
Er schwieg eine Weile. Als er wieder sprach, klang seine Stimme anders. Verletzt, ratlos, fast kindlich. Wie die Stimme eines Jungen, der nicht begreift, weshalb sein Spielzeug plötzlich nicht mehr gehorcht.
„Mama meint, du könntest dich wenigstens entschuldigen.“