„Seine Mutter und der Großvater. Aber die werden sich natürlich auf seine Seite stellen.“

„Nachbarn? Eine Kamera im Hausflur?“

Anna dachte einen Moment nach. Dann erschien ein langsames Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Es gibt eine Kamera. Ich habe sie vor zwei Jahren selbst installieren lassen, nachdem Dorothea behauptet hatte, jemand würde die Wohnungstür zerkratzen. Die Aufnahmen werden automatisch in der Cloud gespeichert.“

Daniel klappte die Mappe zu und legte beide Hände flach auf den Tisch.

„Dann fangen wir an“, sagte er schlicht.

Anna nickte. Hinter den Fenstern seines Büros rauschte die Stadt, irgendwo unten hupte ein Auto, Menschen gingen ihren Wegen nach, und das Leben lief weiter. Ohne Theresa Otto. Ohne den Großvater in seinem Sessel. Ohne Dorothea Sommer mit ihrem Geschrei. Einfach nur Leben. Ihr eigenes.

Paul Mayer saß vermutlich zur selben Zeit zu Hause und wartete darauf, dass sie wieder zur Vernunft kam.

Er ahnte noch nicht, dass sie ihre Entscheidung längst getroffen hatte.

Paul meldete sich drei Tage später wieder. Diesmal ohne Einleitung.

„Hier ist ein Schreiben von irgendeinem Anwalt angekommen.“

„Ich weiß“, antwortete Anna.

„Du hast die Scheidung eingereicht?“

„Ja.“

Danach schwieg er lange. Sie hörte nur seinen Atem, schwer und pfeifend, wie immer, wenn er nervös wurde.

„Anna, ist dir klar, dass das… dass das ernst ist?“

„Genau deshalb habe ich mir professionelle Hilfe geholt.“

„Mama sagt…“

„Paul“, unterbrach sie ihn leise, aber unmissverständlich, „was deine Mutter sagt, interessiert mich nicht mehr. Überhaupt nicht mehr.“

Er verstummte. Dann murmelte er etwas Unverständliches und legte auf.

Theresa Otto begriff die Lage schneller als ihr Sohn. Wenn es um Geld oder den eigenen Vorteil ging, hatte sie schon immer erstaunlich rasch geschaltet. Bereits am Tag nach dem Anwaltsschreiben tauchte sie bei dem Büro auf, das Anna und Paul vermieteten. Anna erfuhr davon durch den Mieter, Stefan Köhler, den Inhaber einer kleinen Buchhaltungsfirma, einen stillen, anständigen Mann.

Er rief von sich aus an.

„Frau Krause, hier war eben eine Dame. Sie sagte, sie sei die Mutter Ihres Mannes, und ab sofort müssten alle Mietangelegenheiten mit ihr geklärt werden.“

„Und was haben Sie ihr geantwortet?“

„Dass der Vertrag mit Ihnen und Herrn Mayer geschlossen wurde und ich ohne Ihre schriftliche Zustimmung nichts ändere.“

„Genau richtig“, sagte Anna. „Danke, Herr Köhler.“

„Sie hat sich im Flur ziemlich lautstark beschwert.“

„Das glaube ich sofort. So ist sie.“

Anna stellte sich Theresa Otto im Gang des Bürogebäudes vor, in ihrem besten Mantel, mit schmal zusammengepressten Lippen und jenem Gesichtsausdruck, den sie aufsetzte, wenn sie Bedeutung ausstrahlen wollte. Wahrscheinlich hatte der Sicherheitsmann am Eingang sie höflich irritiert angesehen. Wahrscheinlich hatte sie genau das noch wütender gemacht.

Seltsamerweise empfand Anna dabei keine Schadenfreude. Nur Müdigkeit. Eine gleichmäßige, stille Müdigkeit, klar wie Wasser in einem Glas.

Daniel arbeitete präzise und ohne Zeit zu verlieren. Nach einer Woche wusste Anna bereits, wie die Aufteilung voraussichtlich aussehen würde. Die Immobilie gehörte ihnen je zur Hälfte; das war vertraglich festgehalten und kaum angreifbar. Paul hatte den Vertrag nun offenbar doch gelesen, denn als er wieder anrief, klang seine Stimme anders. Nicht mehr verletzt oder unsicher. Sondern hart und wütend.