„Ich habe kein Geld genommen“, sagte Anna.
„Mama denkt sich so etwas nicht aus“, entgegnete Paul.
„Und ich lüge nicht.“
„Anna, warum machst du es denn so schwer…“
„Paul. Ich. Habe. Nichts. Genommen.“
In diesem Moment zerbrach etwas. Nicht in Anna, sondern in ihm. Oder vielmehr kam etwas zum Vorschein, das immer dagewesen war und sich nur bislang gut verborgen hatte. Paul wurde laut. Dann noch lauter. Theresa Otto stand daneben und schwieg – doch ihr Schweigen wirkte wie das eines Dirigenten, der den Taktstock nicht einmal heben musste.
…und doch gehorchte das ganze Orchester genau ihrem unsichtbaren Einsatz.
„Verschwinde aus meinem Haus!“, brüllte Paul Mayer.
Er riss die Wohnungstür eigenhändig auf.
Anna Krause blieb stehen. Einen Atemzug lang sah sie ihn an. Dann noch einen. Und noch einen.
Dann drehte sie sich um und ging ins Schlafzimmer.
Sie packte ohne ein Wort. Ruhig, beinahe sachlich. Kleidung. Unterlagen. Den Laptop. Die externe Festplatte mit ihren Arbeitsprojekten. Paul blieb im Türrahmen stehen und beobachtete, wie sie alles in eine große Reisetasche legte. Wahrscheinlich wartete er darauf, dass sie weinte. Oder dass sie eine Szene machte. Vielleicht rechnete er sogar damit, dass sie zusammenbrach, um Verzeihung bat und alles zurücknahm.
Nichts davon geschah.
„Anna“, sagte er leise, als sie den Reißverschluss zuzog, „jetzt…“
„Was?“
Er fand keine Antwort.
Anna hob die Tasche auf, ging an ihm vorbei, dann an Theresa Otto, die im Flur stand, die Arme wieder vor der Brust verschränkt. Auch an Johann Sommer in seinem Sessel ging sie vorbei. Sie verabschiedete sich von niemandem.
Hinter ihr fiel die Tür mit einem kaum hörbaren Klicken ins Schloss.
Draußen blieb sie kurz auf dem Gehweg stehen, holte ihr Handy hervor und wählte eine Nummer. Nach dem zweiten Klingeln wurde abgenommen.
„Florian“, sagte sie, „erinnerst du dich an die Wohnung in der Innenstadt, von der du erzählt hast?“
„Natürlich“, kam es aus dem Telefon. „Sie ist noch frei.“
„Gut“, sagte Anna. „Ich komme.“
Sie lief los, und ihre Beine trugen sie vorwärts, fest und ohne Zögern. Irgendwo hinter ihr lag ein Leben von drei Jahren. Irgendwo vor ihr wartete etwas, das sie noch nicht kannte, das aber ihr gehören würde.
Und in ihrer Tasche, zwischen Pullovern, Dokumenten und Kabeln, steckte eine Mappe mit Papieren, von denen Paul nicht einmal ahnte, dass sie wichtig waren. Genau das machte die Sache erst wirklich interessant.
Florian Lehmann war ein ehemaliger Kommilitone. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatten gemeinsam Design studiert, später in unterschiedlichen Agenturen gearbeitet und trotzdem den Kontakt nie ganz verloren. Er gehörte zu diesen Menschen, die sich vielleicht nur zweimal im Jahr meldeten, dann aber ausgerechnet im richtigen Moment.
Die Wohnung war klein, aber ordentlich: zwei Zimmer im dritten Stock eines alten Hauses mitten in der Stadt. Hohe Decken, knarzendes Parkett, Fenster zum Innenhof. Anna trat ein, stellte die Tasche neben die Tür und blieb erst einmal still stehen. Kein Geräusch. Niemand.