Fünf Minuten später erschien Theresa Otto in der Küche. Sie beherrschte diese Kunst: genau im richtigen Moment aufzutauchen, als hätte sie hinter der Tür gestanden und nur auf ihren Einsatz gewartet.
„Anna“, begann sie mit einer Stimme, süß wie längst verdorbene Marmelade, „ich wollte dich bitten, heute das große Zimmer sauber zu machen. Wir bekommen Besuch.“
„Welchen Besuch?“ Anna sah sie überrascht an. „Davon haben Sie nichts gesagt.“
„Nun, ich sage es dir ja jetzt.“ Theresa lächelte. „Oder passt es dir etwa nicht?“
Anna blickte erst sie an, dann Paul. Ihr Mann starrte mit großer Anstrengung aus dem Fenster.
„In Ordnung“, sagte Anna schließlich.
Dieses „In Ordnung“ kostete sie Kraft. Denn es war längst nicht das erste Mal, dass sie auf Zuruf putzen sollte. Nicht die erste unangenehme Bitte, die eigentlich ein Befehl war. Nicht das erste Mal, dass sie sich in dieser Wohnung wie eine Dienstbotin fühlte, die man nur aus Höflichkeit nicht so nannte.
Am Abend kamen die Gäste. Zwei Nachbarinnen von Theresa Otto, beide um die sechzig, laut, neugierig und mit Blicken, denen nichts entging. Oma Dorothea kam aus ihrem Zimmer, herausgeputzt, als ginge sie zu einer Hochzeit, mit einer Brosche an der Brust und der Haltung einer Königin. Johann Sommer nahm in seinem Sessel Platz und schwieg; doch er schwieg so, dass jeder im Raum seine Anwesenheit spürte wie einen schweren, abgestandenen Geruch.
Anna deckte den Tisch, brachte Tee, schnitt Käse und Wurst auf. Niemand bedankte sich. Theresa erzählte den Nachbarinnen von ihrer Nichte, die es „so gut getroffen“ habe und „einen so wunderbaren Mann“ gefunden habe. Anna verstand sofort, dass dieses Thema nicht zufällig gewählt war.
Dann sagte Oma Dorothea plötzlich laut, mitten in die Runde hinein:
„Unsere Anna hat immer noch nicht gelernt, vernünftig zu kochen. Die Suppe gestern war versalzen.“
Die Nachbarinnen warfen einander höfliche Blicke zu. Paul lächelte schief und verlegen. Anna hob den Kopf, sah Oma Dorothea an und erkannte in ihren Augen ein scharfes, zufriedenes Funkeln.
Das war eine Provokation. Klar, absichtlich, unverhüllt.
„Mit der Suppe war alles in Ordnung“, sagte Anna ruhig.
„Na, wenn du meinst“, erwiderte Oma Dorothea und wandte sich ab.
Der eigentliche Streit brach zwei Tage später aus.
Anna kam von der Arbeit nach Hause. Sie war in einem kleinen Designstudio beschäftigt und erstellte Layouts für Werbeagenturen. Schon im Aufzug spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht war es Intuition. Vielleicht auch nur Erfahrung.
Die Wohnungstür öffnete Theresa Otto. Persönlich. Das geschah selten.
„Wir müssen reden“, sagte sie.
Paul war in der Wohnung. Johann Sommer ebenfalls. Oma Dorothea fehlte; vermutlich hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, um durch die Wand zuzuhören.
„Mama sagt“, begann Paul, und Anna wusste bereits, wie dieser Satz enden würde, „du hättest Geld aus ihrer Geldbörse genommen.“
Stille.
„Was?“
„Da waren dreißig Euro drin. Jetzt sind sie weg.“
Anna sah Theresa Otto an. Die stand mit vor der Brust verschränkten Armen da, ganz die beleidigte Tugend in Person. Johann Sommer runzelte in seinem Sessel die Stirn.