
„Verschwinde aus meinem Haus! Sofort!“ Paul brüllt es im Flur, hochrot im Gesicht, während seine Mutter schweigend triumphiert
Diese erbarmungslose Gemeinheit ist zutiefst beschämend.
„Verschwinde aus meinem Haus! Sofort!“ Paul Mayer stand mitten im Flur, hochrot im Gesicht, die Augen weit aufgerissen, und zeigte mit ausgestrecktem Finger zur Wohnungstür. „Ich habe genug von dir und deinen ewigen Vorwürfen!“
Anna Krause erwiderte nicht gleich etwas. Sie blieb neben dem Spiegel in der Diele stehen und betrachtete ihr eigenes Gesicht. Es wirkte ruhig, beinahe fremd, als zerfiele in diesem Augenblick nicht ihr eigenes Leben, sondern das einer anderen Frau.
Hinter Paul zeichnete sich die Gestalt seiner Mutter ab: Theresa Otto. Klein, rundlich, in einem gepunkteten Morgenmantel, die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Sie sagte kein Wort. Doch in ihrem Schweigen lag alles: Triumph, Schadenfreude und eine schlecht verborgene Genugtuung.
Vier Jahre. Seit vier Jahren lebte Anna in dieser Wohnung.
Angefangen hatte alles wie so oft: mit einer Nichtigkeit.

Am Morgen war Paul in die Küche gekommen, hatte sich auf den Stuhl fallen lassen, sein Handy entsperrt und, ohne den Blick vom Display zu heben, gesagt:
„Mama meint, du seist gestern unhöflich zu Oma Dorothea gewesen.“
Anna stellte ihre Tasse auf den Tisch. Langsam. Unendlich langsam.
„Ich? Unhöflich?“
„Ja. Sie sagt, du hättest nicht einmal gegrüßt, als sie hereinkam.“
Oma Dorothea Sommer war Theresa Ottos Mutter. Eine achtzigjährige alte Frau, die ebenfalls in dieser Wohnung lebte, im Zimmer nebenan, und vor der sich alle fürchteten wie vor einem offenen Feuer. Sie war klein, gekrümmt, hatte stechende Augen und eine Stimme, bei der die Wände zu vibrieren schienen. Sie schrie wegen allem. Weil der Kefir im Kühlschrank angeblich am falschen Platz stand. Weil es im Flur „nach Fremden“ roch. Weil Anna den Boden nicht ordentlich genug wischte. „Man sieht doch, dass du nur drübergehst. In deinem Alter bin ich noch auf den Knien gerutscht.“
Der Großvater, Johann Sommer, Theresas Mann, war anders. Er brüllte nicht. Er saß einfach in seinem Sessel und sah Anna an, als hätte sie ihm persönlich etwas geschuldet. Immer missmutig, immer mit diesem säuerlichen Gesichtsausdruck. Einmal hatte er beim Abendessen gesagt: „Früher saßen Schwiegertöchter nicht mit so einer Miene herum. Die haben gearbeitet. Und sich nicht wichtiggemacht.“ Paul hatte geschwiegen. Wie immer.
Damals hatte auch Anna nichts gesagt. Aber in ihrem Inneren hatte etwas leise geknackt, kaum hörbar, doch endgültig.
„Paul“, sagte sie an jenem Morgen, „ich habe Oma Dorothea begrüßt. Sie hat mir nicht geantwortet und ist in ihr Zimmer gegangen.“
„Sie ist alt. Vielleicht hat sie dich nicht gehört.“
„Sie hört ausgezeichnet, wenn es ihr gerade passt.“
„Anna, warum musst du denn so reden?“
„Wie denn?“
Er hob endlich den Blick vom Telefon. In seinen Augen lag dieser Ausdruck, den sie nur zu gut kannte: kläglich, schuldbewusst, aber nicht ihr gegenüber. Sondern gegenüber seiner Mutter. Paul fühlte sich Theresa gegenüber immer schuldig, sogar dann, wenn Theresa im Unrecht war. Besonders dann.
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