„Mama, ich verstehe das ja, aber wir haben selbst nicht viel“, antwortete Leon unsicher. „Wir sparen für eine Wohnung.“
„Ach, welche Wohnung denn!“, winkte seine Mutter ab. „Ihr lebt doch gut! Und deine Schwester sitzt bald mit ihrem Kind ohne Strom da!“
Anna stand vom Tisch auf und ging in ihr Zimmer. Sie wollte sich das nicht länger anhören. Es war nur zu deutlich, wohin dieses Gespräch führen sollte.
In den folgenden Tagen ließ Elisabeth Kraus das Thema Laura nicht mehr fallen. Jeden Abend fand sie einen neuen Anlass zur Sorge. Mal hatte sich das Kind erkältet, mal war die Wohnung zu kalt, dann wieder reichte das Essen nicht.
„Nachts finde ich keinen Schlaf“, klagte Elisabeth Kraus.
„Ich muss ständig an meine Tochter denken“, jammerte Elisabeth Kraus weiter. „Wie soll ich da ruhig bleiben? Mein Sohn hat ein Dach über dem Kopf, ihm fehlt nichts, und seine Schwester kommt kaum über die Runden!“
Mit jedem Tag wurde Leon Baumann stiller. Anna merkte genau, wie sehr ihn die Schuldgefühle zermürbten. Elisabeth Kraus verstand es meisterhaft, an seinem Mitgefühl zu rühren. Immer wieder schilderte sie Lauras Lage in allen Einzelheiten, als müsste sie nur lange genug erzählen, bis ihr Sohn schließlich nachgab.
„Mama, vielleicht findet Laura selbst irgendeinen Ausweg?“, versuchte Leon vorsichtig einzuwenden.
„Was denn für einen Ausweg?“, fuhr Elisabeth Kraus empört auf. „Sie hat doch schon alles versucht! Ihre Freundinnen können ihr nichts leihen, bei denen ist selbst Ebbe in der Kasse. Und die Bank gibt ihr keinen Kredit, bei dem kleinen Gehalt.“
„Dann könnte sie sich doch an eine Beratungsstelle wenden“, schlug Anna vor.
Elisabeth Kraus schnaubte verächtlich.
„Welche Beratungsstelle denn? Da füllt man monatelang Formulare aus, rennt von einem Amt zum anderen, und am Ende kommt nichts dabei heraus.“
Es war unübersehbar: Elisabeth Kraus hatte sich festgelegt. In ihren Augen war Leon verpflichtet, seiner Schwester zu helfen. Ausreden, Einwände oder praktische Vorschläge ließ sie nicht gelten.
Am fünfundzwanzigsten September kam es schließlich zu dem Gespräch, auf das alles hinausgelaufen war. Beim Abendessen legte Elisabeth Kraus den Löffel beiseite und sagte mit bedeutungsvoller Stimme:
„Leon, ich habe mit Laura gesprochen. Sie braucht dreihundert Euro. Für die Schulden und damit sie die erste Zeit übersteht. Mehr verlangt sie gar nicht.“
Leon verschluckte sich beinahe an seiner Suppe.
„Dreihundert? Mama, so viel haben wir nicht einfach herumliegen!“
„Wie, ihr habt das nicht?“, fragte Elisabeth Kraus, als sei diese Antwort völlig absurd. „Und Anna spart nicht? Ich weiß ganz genau, dass sie Geld beiseitelegt. Schon lange.“
Anna erstarrte, den Löffel noch in der Hand. Also wusste ihre Schwiegermutter von den Rücklagen. Nur woher?
„Mama, dieses Geld ist für unsere eigene Wohnung gedacht“, erklärte Leon bemüht ruhig.
„Was für eine Wohnung?“, winkte Elisabeth Kraus ab. „Hier lebt ihr doch gut genug. Aber Laura sitzt mit ihrem Kind in der Kälte und weiß nicht weiter.“
„Wir legen seit vier Jahren etwas zurück“, sagte Anna leise. „Das ist unsere Anzahlung.“