„Na und?“, entgegnete Elisabeth Kraus gereizt und sah ihre Schwiegertochter an, als habe diese etwas Unanständiges gesagt. „Dann spart ihr eben noch einmal. Deine Schwägerin braucht jetzt Hilfe.“

„Elisabeth Kraus, ich verstehe ja, dass Laura Schwierigkeiten hat, aber unsere Ersparnisse…“

„Was heißt hier eure?“, fiel ihr die Schwiegermutter ins Wort. „Leon verdient das Geld, Leon ist der Mann im Haus. Oder bringst du etwa mehr nach Hause als dein Mann?“

Anna spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Also war das die Logik ihrer Schwiegermutter: Weil Leon mehr verdiente, durfte er entscheiden, was mit dem gesamten Familiengeld geschah.

„Dieses Geld habe ich von meinem eigenen Gehalt zurückgelegt“, sagte Anna nun deutlich.

„Und was soll das ändern?“, gab Elisabeth Kraus nicht nach. „Du lebst in einer Familie. Du isst hier mit, du wohnst hier, die Nebenkosten werden gemeinsam bezahlt.“

„Aber ich war diejenige, die es Monat für Monat beiseitegelegt hat. Fünfzig Euro jeden Monat.“

Elisabeth Kraus verengte listig die Augen.

„Und wer hat dir das überhaupt ermöglicht? Wenn ihr irgendwo zur Miete wohnen würdet, wäre dieses Geld längst für die Wohnung draufgegangen.“

Gegen diese eiserne Schlussfolgerung war offenbar kein Kraut gewachsen. Für Elisabeth Kraus stand fest: Wenn die jungen Leute keine eigene Miete zahlten, gehörte alles, was sie dadurch sparten, der Familie. Und über Familiengeld entschied nach ihrer Vorstellung der Mann.

„Leon, bist du ein Mann oder nicht?“, setzte sie ihren Sohn weiter unter Druck. „Kannst du deiner eigenen Schwester wirklich nicht helfen?“

„Mama, ich denke darüber nach“, murmelte Leon kraftlos.

„Worüber willst du denn noch nachdenken?“, rief Elisabeth Kraus. „Dafür ist es zu spät. Laura braucht das Geld bis morgen.“

Anna schob ihren Stuhl zurück und stand auf. Der Appetit war ihr vergangen. Es war klar, was als Nächstes passieren würde: Am folgenden Tag würde Elisabeth Kraus ihren Sohn so lange bearbeiten, bis er das Geld an Laura überwies.

In ihrem Zimmer nahm Anna die kleine Schatulle aus der Kommode und zählte die Karten durch. Die Karte zum Sparkonto, die Gehaltskarte, die Karte für kleinere Ausgaben. Alles war noch da. Aber wie lange würde das so bleiben?

Leon kam erst eine halbe Stunde später herein. Er wirkte unsicher, bedrückt, beinahe schuldbewusst.

„Anna“, begann er stockend, „meine Mutter sagt, sie kennt die PIN von deinem Sparkonto.“

„Wie soll sie die kennen?“, fragte Anna fassungslos.

„Sie hat sie wohl einmal gesehen, als du Geld abgehoben hast.“

Anna starrte ihn an. Elisabeth Kraus hatte sie also beobachtet, sich die Zahlen gemerkt und konnte theoretisch jederzeit an ihr Geld gelangen.

„Leon, das sind meine Rücklagen“, sagte Anna fest. „Ich habe vier Jahre dafür gespart.“

„Ich weiß. Aber Mama hat nicht ganz unrecht. Laura steckt wirklich in Schwierigkeiten.“

„Dann soll Laura mehr arbeiten. Oder in eine kleinere Stadt ziehen, wo das Leben günstiger ist.“

„Anna, wie soll sie denn umziehen? Mit einem Kind und ohne Geld?“

„Und wenn wir ihr alles geben, fangen wir wieder bei null an. Dann brauchen wir noch einmal vier Jahre für die Wohnung.“