Am liebsten jedoch sprach sie über ihre Tochter Laura Weiß. Leons Schwester wohnte in einer anderen Stadt und arbeitete als Nageldesignerin in einem Schönheitssalon. Laura hatte einen kleinen Sohn und steckte finanziell ständig in Schwierigkeiten.
„Laura hat wieder angerufen und sich beklagt“, erzählte Elisabeth Kraus regelmäßig beim Abendessen. „Sie weiß nicht, wie sie die Nebenkosten bezahlen soll. Der Junge ist krank, und die Medikamente kosten ein Vermögen.“
„Und wo ist der Vater des Kindes?“, fragte Anna eines Tages.
„Was für ein Vater denn?“, schnaubte die Schwiegermutter. „Der ist verschwunden, kaum dass er von der Schwangerschaft erfahren hat. Laura zieht den Kleinen ganz allein groß.“
„Natürlich ist das schwer für sie“, sagte Leon mitfühlend.
„Eben!“, rief Elisabeth Kraus sofort lebhafter. „Man müsste seiner Schwester helfen. In einer Familie lässt man einander nicht im Stich.“
Anna versuchte in solchen Momenten, so zu tun, als sei sie mit etwas anderem beschäftigt. Sie spülte Geschirr, sortierte Wäsche oder räumte wortlos herum. In die Angelegenheiten dieser Familie wollte sie sich nicht hineinziehen lassen. Sollten sie doch selbst entscheiden, wie sie lebten und wofür sie ihr Geld ausgaben.
Doch die Andeutungen der Schwiegermutter wurden mit der Zeit immer deutlicher. Elisabeth Kraus erzählte plötzlich ausführlich, wie Nachbarn ihrem Sohn beim Autokauf geholfen hätten, oder wie eine Bekannte ihrer Tochter Geld für die Renovierung der Wohnung gegeben habe.
„Es ist schön, wenn es in einer Familie gegenseitige Unterstützung gibt“, sagte sie dann bedeutungsvoll und sah dabei ihren Sohn an.
Leon rückte in solchen Augenblicken unruhig auf seinem Stuhl hin und her, sagte aber nichts Konkretes. Anna bemerkte sehr wohl, dass ihm diese Gespräche unangenehm waren. Trotzdem war sie erleichtert, dass er sich nicht sofort von den Vorwürfen seiner Mutter treiben ließ.
Im Herbst spitzte sich die Lage zu. Im September rief Laura an und berichtete, sie habe Rückstände bei den Versorgungszahlungen. Nun drohe man ihr sogar damit, den Strom abzustellen.
„Könnt ihr euch das vorstellen?“, empörte sich Elisabeth Kraus, als sie das Gespräch mit ihrer Tochter nacherzählte. „Ein kleines Kind im Haus, und diese Leute wollen einfach das Licht abdrehen! Herzlos, nichts als herzlos!“
„Vielleicht könnte Laura sich irgendeine zusätzliche Arbeit suchen?“, schlug Anna vorsichtig vor.
„Was denn für eine zusätzliche Arbeit?“, fuhr die Schwiegermutter auf und schlug mit der Hand in die Luft. „Sie hat ein kleines Kind! Bei wem soll sie es lassen? Er geht ja noch nicht einmal in den Kindergarten!“
„Dann könnte sie vielleicht eine Betreuung organisieren“, gab Anna zurück.
„Und wovon soll sie die bezahlen?“, fragte Elisabeth Kraus wütend. „Wenn sie doch ohnehin kein Geld hat?“
Damit war das Gespräch festgefahren. Anna schwieg, denn sie wusste, dass jede weitere Diskussion sinnlos war. Ihre Schwiegermutter hatte längst entschieden, dass Leon seiner Schwester finanziell helfen musste.
„Leon, sag doch auch einmal etwas!“, wandte sich Elisabeth Kraus an ihren Sohn. „Laura ist deine eigene Schwester! Man kann sie doch in so einer Situation nicht alleinlassen!“