Er hob den Blick. Sofort verstand ich: Seine Freude galt nicht mir. Er sah aus wie jemand, dem das Schicksal endlich seine Wunschliste bezahlt hatte.

— Laura, was ist das?

— Ein Erbe, — sagte ich und nahm ihm das Handy ab. — Von Cäcilia Roth.

— Einundzwanzigtausendachthundert? — Er bemühte sich nicht einmal, seine Begeisterung zu verbergen. — Wahnsinn. Hör mal, das ist ja … das ist wirklich eine ganz andere Grundlage.

Ich trocknete schweigend meine Haare mit dem Handtuch.

— Welche Grundlage?

— Na, eine normale. Eine lebendige. Wir sind seit Ewigkeiten nicht mehr richtig weggefahren. An diesen Mallorca-Urlaub von damals zu denken, ist ja fast peinlich, das Hotel war wie ein Studentenwohnheim. Man könnte nach Dubai. Oder auf eine Insel. Mein Auto müsste ich auch dringend ersetzen, das weißt du selbst, mein Ford ist nur noch eine Leiche mit Radio. Und ein Fernseher wäre übrigens auch längst fällig. Alle normalen Leute haben vernünftige Bildschirmgrößen, nur bei uns steht so ein Ding wie im Wartebereich einer Werkstatt.

— Michael Hermann, — sagte ich. — Du zählst gerade Ausgaben auf, als hättest du dieses Geld bekommen.

Er runzelte die Stirn, aber nur leicht. Noch war er überzeugt, es handle sich bloß um meine erste, typisch weibliche Vorsicht.

Eine Vorsicht, glaubte er, die sich mit Zärtlichkeit, gekränktem Schweigen oder notfalls mit seiner Mutter schon umgehen ließe.

— Wir sind doch eine Familie. Gibt es bei uns überhaupt so etwas wie „deins“ und „meins“?

Ich hätte beinahe gelacht. Nicht, weil es lustig gewesen wäre, sondern weil dieser Satz so punktgenau kam.

— Doch, das gibt es. Wenn ich die Renovierung bezahle, gibt es das komischerweise. Wenn ich unser gemeinsames Konto auffülle, ebenfalls. Aber sobald es um ein Erbe geht, heißt es plötzlich „wir“.

— Ach, jetzt fängst du wieder damit an, — zog er die Worte in die Länge. — Darum geht es doch gar nicht.

— Genau darum geht es.

Er erhob sich, lief ein paar Schritte durchs Zimmer, rieb sich den Nacken und ließ sich dann wieder auf den Stuhl fallen.

— Mach mich bitte nicht zu deinem Feind. Ich sage nur, dass sich eine Chance ergeben hat, endlich einmal vernünftig zu leben.

— Vernünftig leben heißt nicht, das Geld in einem halben Jahr durchzubringen.

— Davon redet doch niemand.

— Du hast in drei Minuten Urlaub, Auto, Fernseher aufgezählt, und ich bin mir ziemlich sicher, irgendwo wartet auch noch eine Spielekonsole auf ihren Einsatz.

Er war beleidigt, weil diese Konsole tatsächlich in der Warteschlange stand. Das konnte ich ihm im Gesicht ablesen.

Die folgenden Tage wurden zu einer stillen Belagerung in den eigenen vier Wänden. Michael Hermann schlich düster durch die Wohnung, antwortete nur knapp und mit zusammengepressten Lippen und aß demonstrativ Rührei ohne Brot, weil „wer welches braucht, es ja kaufen kann“. Das Brot lag im Schrank. Er hatte nur nicht nachgesehen. Am dritten Tag erklärte er, ich sei „irgendwie fremd geworden“. Am vierten meinte er, Geld verderbe den Charakter. Am fünften fragte er, ob ich überhaupt noch vorhabe, mich mit meinem Mann zu beraten, oder ob er in dieser Wohnung inzwischen nur noch den Status eines Untermieters habe.