Ich wollte sagen, dass Untermieter manchmal mehr bezahlen als er, schwieg aber. Nicht aus Anstand. Ich sparte lediglich meine Kräfte.
Auf der Arbeit brannte unterdessen mein eigenes kleines Feuer: Ein Fahrer hatte die Adresse des Lagers verwechselt, ein Kunde schrie ins Telefon, als hätten wir ihm persönlich einen ganzen Lkw gestohlen, und mein Chef lief mit einem Gesicht durchs Büro, das sagte: „Ich entlasse euch alle, aber erst nach der Mittagspause.“ Am Freitag kam ich nach Hause mit dem Gefühl, den ganzen Tag als Dichtung zwischen fremden Beschwerden gedient zu haben. Michael Hermann empfing mich mit der Frage:
— Hast du Mama angerufen?
— Weshalb?
— Einfach so. Sie macht sich Sorgen.
Ich zog meine Jacke aus.
— Worüber macht sie sich Sorgen?
— Na ja… über alles. Über uns.
An dieser Stelle hätte ich hellhörig werden müssen. Aber ich war müde. Und ein müder Mensch überhört oft das Donnern eines Zuges, der längst auf ihn zurast.
Am Samstagvormittag stand Helena Vogel persönlich vor der Tür.
Ich öffnete, und sie trat sofort ein, als gehöre die Wohnung ihr. In der Hand hielt sie eine Tüte Mandarinen, auf dem Kopf saß eine gestrickte Mütze mit glitzernden Fäden, die Lippen hatte sie zu einem strengen, geschäftigen Strich zusammengepresst. Mit ihr zog der Geruch des kalten Treppenhauses herein, nach feuchter Zeitung und nach ihrem Parfüm, das so süß war, dass einem davon der Schädel pochte.
— Michael ist nicht da? — fragte sie.
— Er ist wegen eines Ersatzteils losgefahren. Möchten Sie Tee?
— Später. Wir müssen reden.
Sie ging in die Küche, setzte sich und musterte den Tisch, den Herd, das Handtuch am Griff des Backofens. Selbst in Momenten historischer Entscheidungen verlor Helena Vogel nicht die Fähigkeit, Krümel aufzuspüren.
— Ich denke schon lange darüber nach, — begann sie. — Ich brauche etwas Eigenes. Es reicht, für ein paar Groschen herumzusitzen. Die Rente ist ein Witz, die Gesundheit ist auch nicht aus Stahl, aber ich habe Hände, ich habe einen Kopf. Bei uns an der Haltestelle wird ein kleiner Laden frei. Dort könnte man einen Blumenpavillon eröffnen. Blumen braucht man immer: Hochzeiten, Beerdigungen, Einschulungen, Männer mit schlechtem Gewissen — Kundschaft gibt es ständig.
Ich nickte automatisch. Ganz unlogisch war es nicht. Helena Vogel liebte Blumen wirklich, kannte Sortennamen, konnte aus drei Zweigen und etwas Folie einen Strauß zusammenstellen, für den irgendein sentimentaler Mensch zehn Euro bezahlt hätte.
— Man braucht nur den Anfang, — fuhr sie fort. — Kühlschrank, Miete, erste Ware, Schild, Kasse, Unterlagen. Ich habe es ausgerechnet. Ohne Luxus, aber ordentlich, braucht man neuntausend Euro.
Ich wusste bereits, wohin das führte, hoffte aber noch immer auf eine halbwegs menschliche Form der Bitte. In meinen Hoffnungen bin ich manchmal erstaunlich stur.
— Verstehe, — sagte ich. — Und ein Kredit?
Sie sah mich an, als hätte ich ihr vorgeschlagen, mit einer Niere zu handeln.
— Was denn für ein Kredit in meinem Alter? Die Banken warten doch nur darauf, einen zu erwürgen. Und wozu ein Kredit, wenn in der Familie Geld da ist?