Ich hielt mich nicht für unglücklich. Das ist das Dümmste daran. Ein wirklich unglücklicher Mensch hat oft nicht einmal die Kraft, sich einzugestehen, dass er unglücklich ist. Ich nannte es „eine schwierige Phase“, „Aneinandergewöhnen“, „jeder hat eben seine Macken“. Manchmal allerdings lag ich nachts wach, während Michael Hermann neben mir schlief und schwer in sein Kissen atmete, starrte an die Decke und fragte mich: Wenn ich jetzt für eine Woche verschwände, wer würde zuerst merken, dass keine Lebensmittel mehr da sind — mein Mann oder der Mülleimer?
Alles änderte sich an einem Mittwoch, um halb drei.
Ich saß im Büro, aß kalten Buchweizen aus einer Plastikdose und beantwortete die Nachricht eines Lieferanten aus einer anderen Stadt, der seit drei Tagen versprach, „die Sache heute zu klären“. Mein Handy vibrierte. Eine unbekannte Nummer. Erst wollte ich wegdrücken, nahm dann aber doch ab — vielleicht ein Fahrer, ein Kunde, irgendeine weitere berufliche Freude.
Eine Frau meldete sich. Trocken, höflich, mit dieser Stimme von Menschen, die täglich fremden Angehörigen mitteilen, dass das Leben eine Korrektur in der Buchhaltung des Schicksals vorgenommen hat. Notarin. Sie erklärte, meine Tante zweiten Grades väterlicherseits, Cäcilia Roth, sei verstorben und habe mich im Testament als Alleinerbin eingesetzt. Ich hatte sie in meiner Kindheit vielleicht viermal gesehen: groß, kurzhaarig, sie roch nach Tabak und teurer Creme, brachte mir Schokolade mit und sagte zu meiner Mutter: „Brich dem Mädchen nicht den Charakter.“ Danach verschwand sie aus unserem Leben — weggezogen, mit irgendwem zerstritten, keine Briefe mehr. Erwachsene konnten damals ohne Erklärung verschwinden, als gäbe es dafür einen Knopf.
Das Erbe bestand aus Geld auf einem Konto. 21.800 Euro.
Ich fragte nach, ob ich richtig verstanden hatte. Die Notarin wiederholte die Summe. Ich notierte mir Adresse, Liste der Unterlagen und Termin. Dann legte ich auf und starrte mehrere Minuten lang auf meinen Bildschirm, auf dem eine E-Mail leuchtete: „Bitte dringend den Versandplan freigeben.“ Dringend. Sehr witzig.
21.800 Euro. Für manche vielleicht kein Vermögen. Für mich war es Luft. Ein Sicherheitsabstand. Die Möglichkeit, endlich ein Polster aufzubauen, einen Teil anzulegen, die Küche fertigzumachen und nicht mehr jede größere Ausgabe wie einen kleinen Verrat an mir selbst zu empfinden. Ich freute mich nicht einmal sofort. Zuerst bekam ich Angst. Geld ist eine seltsame Sache: Wenn man keines hat, träumt man davon; wenn es plötzlich auftaucht, fragt man sich, wer wohl als Erster die Hand ausstreckt.
Michael Hermann sagte ich nichts. Nicht aus Berechnung. Ich wollte erst in Ruhe verstehen, was zu tun war. Zur Notarin fahren, alles abwickeln, ein separates Konto eröffnen, mit einem Anwalt oder Finanzberater sprechen. Ich brauchte einen Raum, in dem mir niemand ins Ohr atmete: „Lass uns doch kaufen …“
Doch das Geheimnis hielt nur sechs Tage.
Am Montagabend kam ich spät nach Hause, mit nassen Füßen und einem Kopf voller fremder Lieferscheine. Ich zog die Schuhe aus, legte mein Handy auf die Kommode und ging duschen. Als ich zurückkam, saß Michael Hermann auf dem Bett. Mein Telefon hielt er in der Hand. Auf dem Display stand die Push-Nachricht der Bank über den Geldeingang. Ich hatte vergessen, die Benachrichtigungen auszuschalten. Eine Kleinigkeit. Ein alltägliches Loch in der Verteidigung.