Sophia ließ die Seitenscheibe herunter.
„Mit meinem Geld und den Kontakten meines Vaters“, erwiderte sie ruhig. „Du hast es verwaltet. Mehr nicht. Und jetzt verwaltest du gar nichts mehr. Geh zu Lia Meyer. Vielleicht hilft sie dir ja beim Aufstieg.“
„Sie ist weg!“, stieß Sebastian hervor. „Kaum hatte sie von den Schulden erfahren, war sie verschwunden!“
Sophia verzog den Mund.
„Wie überraschend. Offenbar warst du auch ihr zuwider. Nur war sie klüger als ich und hat es früher begriffen.“
Sebastian erstarrte. Seine Gesichtszüge entglitten ihm. Für einen Augenblick sah es aus, als wolle er auf sie losgehen. Da stieg Matthias Huber aus dem Auto, langsam und schwerfällig, und stellte sich neben seine Tochter.
„Geh, Sebastian“, sagte er müde. „Solange es noch ohne Ärger geht.“
Sebastian blieb noch ein paar Sekunden stehen. Dann drehte er sich abrupt um und entfernte sich. Gebückt, kleiner als früher, plötzlich alt.
Sophia sah ihm nach. Sie empfand kein Mitleid. Auch keine Wut. Nur eine eigentümliche Leere an der Stelle, an der fünfzehn Jahre lang Schmerz gewesen war.
Am Abend saß sie mit ihrem Vater in der Küche. Matthias schenkte sich Tee ein, während Sophia aus dem Fenster blickte. Draußen senkte sich die Dunkelheit über den Himmel.
„Wie geht es dir?“, fragte er.
„Es geht“, antwortete sie.
Dann fügte sie leiser hinzu: „Es ist nur seltsam. Fünfzehn Jahre lang war ich überzeugt, mit mir stimme etwas nicht. Ich dachte, ich sei nicht schön genug, nicht spannend genug, nicht liebenswert genug. Ich habe mir eingeredet, es liege an mir, dass er so kalt zu mir war. Und jetzt stellt sich heraus: Es lag nie an mir. Er hat mich einfach nicht geliebt. Von Anfang an nicht.“
Matthias schwieg eine Weile. Schließlich sagte er:
„Weißt du, was mich am meisten quält? Dass ich daran mitschuldig bin. Ich habe ihn dir damals selbst nahegebracht. Ich dachte, er sei ein ordentlicher Kerl, fleißig, einer, der etwas aus sich macht. Dabei hatte er schon damals alles berechnet.“
„Papa, hör auf“, sagte Sophia und legte ihre Hand auf seine. „Du wolltest, dass ich glücklich werde. Er wollte Geld. Das ist nicht dasselbe.“
Ihr Vater nickte, doch die Traurigkeit blieb in seinen Augen.
„Und was machst du jetzt?“
Sophia zuckte leicht mit den Schultern.
„Arbeiten. Leben. Ich habe die Apotheke, ich habe dich, ich habe meine Aufgaben. Ich habe so viele Jahre an einen Menschen verschenkt, der mich verachtet hat. Vielleicht ist es Zeit, endlich einmal für mich selbst da zu sein.“
„Willst du irgendwann wieder heiraten?“
Sophia lachte kurz, ohne wirkliche Heiterkeit.
„Ich weiß es nicht. Im Moment will ich nicht einmal darüber nachdenken. Ich möchte einfach nur Ruhe. Und niemanden mehr, der mir sagt, ich sei unerträglich.“
Sie schwiegen. Hinter dem Fenster flammten vereinzelt die Straßenlaternen auf. Matthias trank seinen Tee aus und erhob sich.
„Gut, mein Mädchen. Ich fahre nach Hause. Wenn etwas ist, rufst du an. Egal wann.“
„Danke, Papa.“
Nachdem er gegangen war, blieb Sophia allein zurück. Sie setzte sich an den Tisch, verschränkte die Arme und legte den Kopf darauf. Erst jetzt, in der Stille der leeren Küche, ließ sie die Tränen zu. Nicht aus Verletzung. Nicht aus Groll. Sondern aus Erleichterung. Weil sie nicht länger vorspielen musste, alles sei in Ordnung. Weil sie keine kalten Berührungen und hohlen Worte mehr ertragen musste. Weil sie nicht mehr glauben musste, dass sie selbst schuld war.