Ein Monat verging. Sebastian versuchte, die Unterlagen anzufechten, doch Sophias Anwalt brachte ihn rasch zur Vernunft. Sämtliche Papiere waren sauber, alle Machenschaften offengelegt. Einer nach dem anderen wandten sich die Geschäftspartner von ihm ab. Lia Meyer blieb verschwunden.

Nach und nach fand Sophia in ihren gewohnten Alltag zurück.

Arbeit, das Haus, ihr Vater — aus diesen festen Punkten setzte sich ihr neuer Rhythmus zusammen. Manchmal meldeten sich Freundinnen, schlugen ein Café vor, einen Spaziergang, einen Abend irgendwo unter Menschen. Sophia Lange bedankte sich, versprach, sich bald zu melden, und blieb doch meistens daheim. Nicht aus Traurigkeit. Eher, weil sie Stille brauchte. Einen Raum, in dem niemand etwas von ihr erwartete. Zeit, um sich selbst wieder wahrzunehmen, ohne fremde Stimmen im Kopf, ohne das alte Zittern vor einem falschen Wort.

An einem Abend kam sie aus der Apotheke zurück. Die Papiertüte mit den Medikamenten für ihren Vater hielt sie fest in der Hand, während sie die vertraute Straße entlangging. Ihr Weg führte am Gelände des Fuhrparks vorbei. Vor dem Tor blieb sie unwillkürlich stehen.

Drinnen herrschte Betrieb. Fahrzeuge wurden umgeparkt, irgendwo schlug eine Tür zu, zwei Fahrer lachten über etwas, das sie nicht verstand. Am Eingang stand Thomas König, der neue Leiter, ein alter Bekannter ihres Vaters. Er sprach gerade mit mehreren Männern, die offenbar auf Anweisungen warteten. Als er Sophia bemerkte, hob er die Hand und winkte ihr freundlich zu.

Sie erwiderte den Gruß mit einem stillen Nicken.

Für einen Moment blieb sie noch stehen und sah auf den Hof. Alles lief weiter. Die Aufträge wurden erledigt, die Fahrer kamen und gingen, das Geschäft atmete wieder in einem ruhigen, gleichmäßigen Takt. Ohne Sebastian Baumann. Und, wie sie sich eingestehen musste, nicht schlechter — im Gegenteil. Es war klarer geworden. Sauberer. Ehrlicher. Niemand schlich mehr durch die Gänge, niemand flüsterte hinter verschlossenen Türen, niemand versuchte, aus allem heimlich einen Vorteil zu ziehen.

Sophia wandte sich ab und setzte ihren Weg fort. Nach ein paar Schritten merkte sie plötzlich, dass sich ihre Lippen zu einem Lächeln verzogen hatten. Kein höfliches, kein erzwungenes. Einfach ein Lächeln, das von selbst kam. Ohne Anlass, ohne Publikum, ohne den Wunsch, jemanden zu überzeugen.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren.

Zu Hause stellte sie die Medikamente weg, füllte Wasser in den Kessel und bereitete sich Tee zu. Dann setzte sie sich ans Fenster, die Tasse zwischen den Händen, und blickte hinaus auf die Straße. Erst nach einer Weile griff sie nach dem Telefon. Sie öffnete die Nachrichten und sah mehrere Mitteilungen von Andrea Sommer — jener Frau, die bei der Jubiläumsfeier zu ihr gekommen war, leise, vorsichtig, mit einem Blick, in dem Sophia zu viel wiedererkannt hatte.

Eine der Nachrichten war länger als die anderen.

„Sophia Lange, ich danke Ihnen. Wirklich. Ich habe angefangen, Beweise zu sammeln. Einen Anwalt habe ich inzwischen auch gefunden. In den nächsten Wochen reiche ich die Scheidung ein. Sie haben mir gezeigt, dass man nicht alles hinnehmen muss.“