Eine schwere Stille breitete sich aus. Brigitte stand mitten in der Küche, die Arme um den eigenen Körper geschlungen, und weinte lautlos.

Im Nebenzimmer half Stefan seiner Frau inzwischen ins Bett.

„Leg dich hin, Liebes“, sagte er leise. „Du musst das Fieber runterbekommen.“

Laura gehorchte, doch sie ließ seine Hand nicht los.

„Stefan, ich kann so nicht mehr“, flüsterte sie. „Jeden Tag Streit. Jeden Tag bin ich an allem schuld. Egal, was passiert, am Ende bin immer ich die Böse.“

„Halte noch ein bisschen durch.“ Er strich ihr über das Haar. „Wir ziehen bald aus.“

„Wann ist bald?“ Laura sah ihn erschöpft an. „Seit einem Jahr reden wir darüber, und nichts passiert.“

Stefan atmete schwer aus. Er wusste selbst, dass dieses Leben sie beide zermürbte. Aber seine Mutter war für ihn immer unantastbar gewesen. Wie sollte er sie allein zurücklassen?

Laura betrachtete ihn aufmerksam.

„Weißt du“, sagte sie nach einer Pause, „Onkel Thomas hat recht. Deine Mutter ist keine hilflose alte Frau. Sie ist stark. Sehr stark sogar. Sie hat sich nur daran gewöhnt, alle und alles zu kontrollieren.“

„Laura, bitte nicht …“

„Doch. Genau darüber müssen wir reden. Wenn wir nicht endlich Grenzen setzen, macht sie uns kaputt. Sieh dich doch an: Du hast Angst, auch nur ein Wort zu viel zu sagen.“

Stefan senkte den Blick. Tief in seinem Inneren wusste er, dass Laura die Wahrheit aussprach. Aber es zuzugeben fühlte sich an, als würde er seine Mutter verraten. Und dazu war er nicht fähig.

Aus der Küche drangen gedämpfte Stimmen herüber; Onkel Thomas war offenbar noch lange nicht fertig.

„Hör mir jetzt gut zu, Brigitte“, sagte Onkel Thomas mit gedämpfter, aber unbeirrbarer Stimme. „Ich habe einen Vorschlag. Das kleine Haus draußen auf dem Land steht leer. Es ist ordentlich, hat alles, was man braucht. Fahr für den Sommer dorthin. Komm zur Ruhe, denk nach, gewinn Abstand von diesem ganzen Stadtlärm.“

Brigitte Hoffmann sah ihn an, als hätte er sie geohrfeigt.

„Du willst mich also loswerden?“

„Nein“, erwiderte er ruhig. „Ich zeige dir einen Ausweg. Das Haus gehört dir. Martin hat es damals noch zu Lebzeiten auf deinen Namen eintragen lassen. Du kannst dort wohnen, im Garten arbeiten, mit den Nachbarinnen Kaffee trinken, Karten spielen, dich unterhalten. Und den beiden hier lässt du endlich die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu führen.“

Brigitte wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Wangen. Zum ersten Mal schwieg sie länger als nur ein paar Sekunden.

„Und wenn sie meine Hilfe brauchen?“

„Dann werden sie dich anrufen“, sagte Onkel Thomas. „Dann kommst du. Aber weil man dich bittet — nicht, weil du einfach bestimmst, dass du gebraucht wirst.“

Der Gedanke war nicht völlig abwegig. Draußen im Ferienhaus kannte Brigitte tatsächlich ein paar Frauen aus der Nachbarschaft. Mit ihnen konnte man sich am Gartentor festplaudern, über Krankheiten, Preise und fremde Familien urteilen und abends eine Runde Rommé spielen. Was hatte sie dagegen in der Wohnung? Vier Wände, eine Schwiegertochter, die ihr ständig widersprach, und Streit vom Morgen bis in die Nacht.