Geschichte
„Also hör auf, die arme Verwandte zu spielen“ – sagte seine Mutter, die mit Straßenschuhen durch meinen frisch gewischten Flur stapfte

„Also hör auf, die arme Verwandte zu spielen“ – sagte seine Mutter, die mit Straßenschuhen durch meinen frisch gewischten Flur stapfte

Diese vertraute Lüge war grausam und beschämend.

3 297 Leser 14 Seiten ~3 Min.

Ich begriff nicht erst vor Gericht, dass meine Ehe vorbei war. Nicht einmal an jenem Abend, an dem Michael Hermann so brüllte, dass der Hund hinter der Nachbarwand ihm mit einem kurzen, nervösen Bellen antwortete. Nein, das Ende war früher gekommen — an einem Samstagmorgen, als seine Mutter mit Straßenschuhen durch meinen frisch gewischten Flur stapfte, eine Tüte Mandarinen auf den Hocker stellte und in einem Ton sagte, als sei sie nicht zu Besuch, sondern zur Auszahlung ihres Gehalts erschienen:

— Geld hast du ja jetzt, Laura. Also hör auf, die arme Verwandte zu spielen. Der Familie muss man helfen.

Ich stand damals mit einem nassen Lappen in der Hand da. Auf dem Herd blubberte Suppe, im Bad hüpfte die Waschmaschine im Schleudergang, und durchs Fenster zog diese feuchte Märzluft herein, vermischt mit Benzingeruch vom Parkplatz. Alles um mich herum war vollkommen alltäglich: Rechnungen am Kühlschrank, ein Beutel voller Beutel unter der Spüle, der übliche graue Haushaltstrott. Und genau in dieser Gewöhnlichkeit riss plötzlich etwas. Leise. Ohne dramatische Musik, ohne Vorwarnung.

Fünf Jahre lang hatte ich mir aufrichtig eingeredet, wir hätten eine normale Familie. Nicht perfekt, gewiss — aber wer hat schon etwas Perfektes? Michael Hermann arbeitete als Serviceberater in einer Autowerkstatt am Stadtrand und brachte ungefähr 600 Euro im Monat nach Hause. Ich war leitende Sachbearbeiterin in einer Spedition, kümmerte mich um Lieferungen, gereizte Fahrer, Frachtpapiere, fremde Fehler und meine eigenen Fristen. Im Schnitt verdiente ich 1.200 Euro, manchmal auch etwas mehr, wenn die Prämie nicht irgendwo zwischen Buchhaltung und den Einfällen der Geschäftsführung verschwand.

Auf dem Papier sah unser Leben ordentlich aus. Zwei Erwachsene, beide berufstätig, eine Wohnung, ein halbwegs fahrbares Auto, einmal im Jahr Urlaub. Aus der Entfernung betrachtet hätte es fast wie Werbung für bürgerliche Sicherheit gewirkt. Nur gehörte die Wohnung mir. Ich hatte sie schon vor der Ehe gekauft: zuerst eine kleine Einzimmerwohnung, die ich später mit Zuzahlung gegen eine bescheidene Zweizimmerwohnung in einem Wohnviertel eintauschte. Kein Zentrum, natürlich nicht, aber dafür lagen ein Rewe, eine Apotheke, eine Haltestelle und ein Hof in der Nähe, in dem Jugendliche abends das Fluchen übten, als müssten sie darin eine Prüfung bestehen.

Jeden Monat überwies ich 750 Euro auf unser gemeinsames Konto. Miete beziehungsweise Nebenkosten, Lebensmittel, Putzmittel, Internet, Medikamente, dazu alles, was unerwartet wieder einmal „kaputtgegangen“ war. Michael Hermann zahlte 200 Euro ein, manchmal 300, wenn gerade kein „Engpass“ bestand. Engpässe hatte er regelmäßig: Mal musste er einem Freund Geld zurückgeben, mal verzögerte sich auf der Arbeit angeblich die Prämie, mal entwickelte sein Auto plötzlich Charakter und verlangte nach Investitionen. Anfangs diskutierte ich noch. Irgendwann fehlte mir die Kraft. Manche Gespräche ähneln dem Versuch, einem Wasserkocher zu erklären, dass er zu laut pfeift. Der Wasserkocher kann nichts dafür. Er ist eben so.

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