„Du erpresst mich?“

„Ich beschreibe dir lediglich die Lage“, sagte Lukas ohne jede Regung. „Bis morgen Abend brauche ich das Geld. Und komm bloß nicht auf die Idee, hier ein Drama zu veranstalten. Ich habe heute eine wichtige Präsentation und muss mich konzentrieren.“

Er riss seine Tasche vom Stuhl und ging zur Wohnungstür.

„Lukas!“ rief Anna ihm nach. „Und wenn ich trotzdem Nein sage?“

Er blieb stehen und drehte sich langsam um. In seinen Augen blitzte etwas Boshaftes auf.

„Dann wirst du erfahren, was es heißt, sich gegen mich zu stellen. Ich kann dein Leben sehr unangenehm machen. Denk an die Kinder. Sie müssen noch lernen, sie brauchen ihren Vater. Einen normalen Vater, keinen gereizten, wütenden Mann, der von seiner störrischen Frau ständig zur Weißglut getrieben wird.“

„Drohst du jetzt auch noch den Kindern?“

„Ich warne dich nur vor den Folgen deiner Dickköpfigkeit. Wie es weitergeht, entscheidest du.“

Die Tür fiel krachend ins Schloss, und Anna blieb allein in der stillen Wohnung zurück. Langsam sank sie auf einen Stuhl. Was sollte sie tun? Nachgeben und das Geld überweisen, obwohl sie damit das Vertrauen ihrer Mutter missbrauchte? Oder standhaft bleiben und riskieren, dass Lukas das Familienleben in eine Hölle verwandelte?

Den ganzen Tag lief sie ziellos durch die Wohnung. An Arbeit war nicht zu denken. Immer wieder nahm sie das Telefon in die Hand, um ihre Mutter anzurufen, legte es dann aber wieder weg. Was sollte sie sagen? Wie konnte sie erklären, was hier geschah?

Gegen Abend hatte sich die Entscheidung wie von selbst in ihr geformt. Anna zog aus der Schublade die Gästeliste hervor, die Lukas auf dem Tisch hatte liegen lassen. Hundert Namen standen darauf: Verwandte, Kollegen, Geschäftspartner, Freunde. Neben jedem Namen war eine Telefonnummer notiert.

Sie nahm ihr Handy, atmete tief ein und wählte die erste Nummer.

„Guten Abend, Andreas Köhler? Hier spricht Anna Köhler, die Frau von Lukas König. Ich rufe wegen der Feier am Samstag an…“

Die ersten Gespräche fielen ihr schwer. Anna suchte jedes Wort mit Bedacht aus und zwang sich, ruhig und sicher zu klingen. Doch mit jedem Anruf wurde ihre Stimme fester.

„Hallo, Lea. Ja, hier ist Anna Köhler. Leider muss ich dir mitteilen, dass Lukas’ Geburtstagsfeier ausfällt.“

„Nein, gesundheitlich ist alles in Ordnung. Es haben sich nur ein paar Umstände geändert …“

Sie legte auf, strich den Namen von der Liste und wählte bereits die nächste Nummer.

„Paul? Hallo, hier ist Anna, Lukas’ Frau. Ich wollte dir nur rechtzeitig Bescheid geben: Das Bankett im Restaurant ‚Zum Goldenen Löwen‘ findet nicht statt. Ja, wir haben es abgesagt … Warum? Aus familiären Gründen.“

Manche reagierten verblüfft, andere seufzten mitfühlend, wieder andere versuchten, Näheres aus ihr herauszubekommen. Anna blieb höflich, doch sie ließ keine Nachfragen zu. Mit ruhiger Stimme wiederholte sie immer wieder, dass die Entscheidung endgültig sei.

Gegen zehn Uhr war die gesamte Liste abgearbeitet. Nur ein Anruf stand ihr noch bevor, und vor diesem hatte sie sich am meisten gefürchtet: das Restaurant.